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Antipädagogik
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Inhalt
Unter Antipädagogik
fasst man all jene Initiativen, Studien und Forderungen zusammen, deren erstes
Anliegen die Kritik der herrschenden Erziehungsideologien ist. Antipädagogik
ist eine kritische Theorie, welche falschen Behauptungen, Verschleierungen,
Lügen und kinderfeindlichen Konsequenzen erzieherischen Denkens aufklären
will.
Antipädagogische Aufklärung bietet keine neue Methode im Umgang mit
Menschen, sondern eröffnet die Möglichkeit für andere, menschenfreundlichere
Orientierungen und Ideen. Die antipädagogische Aufklärung fordert
zudem mehr Rechte für Kinder ein ("Kinderrechtsbewegung"). Obwohl
es inzwischen viele Schriften gibt, die als antipädagogisch verstanden
werden können, beschränke ich mich hier hauptsächliche auf die
Studien von Ekkehard von Braunmühl. Mit seinen Gedanken habe ich mich am
intensivsten auseinandergesetzt. Im folgenden gebe ich einen kommentierten,
chronologischen Überblick über seine Grundlagentexte.
Ekkehard von Braunmühl ist für mich der bissigste, humorvollste und geistreichste Autor der antipädagogischen Aufklärung. Seine Bücher zu lesen ist für mich ein Genuß und viele seiner Gedanken öffneten bei mir geistige Horizonte. Ihm und seine Gedanken habe ich viel zu verdanken. So z.B. sind ca. 1/3 der Bücher, die ich gelesen habe (und ich lese sehr viel!), den Literaturlisten seiner Bücher bzw. seinen Literaturempfehlungen entnommen. Die Auseinandersetzung mit seinen Gedanken führten bei mir auch zu ganz praktischen Konsequenzen im Umgang mit mir selbst und anderen Menschen. Ich bin dadurch selbstbewußter, handlungsfähiger und beziehungskompetenter geworden. Ich sage dies alles trotz der Aussage von Braunmühl, man möge aus seinen Arbeiten das nehmen, was man gebrauchen kann, aber am liebsten ohne Berufung auf ihn (vgl. Braunmühl 1997, 147).
Hier nun eine kurzkommentierte, chronologische Auflistung seiner Grundlagentexte:
"Antipädagogik - Studien zur Abschaffung der Erziehung", Beltz Verlag, Weinheim 1975, 8. Auflage 1993 (noch erhältlich)
Die Antipädagogik war 1975 erst einmal ein Buch, geschrieben von Ekkehard von Braunmühl. Das Schlagwort "Antipädagogik" wurde bewußt als Kampfbegriff analog zu dem damals aus England/Italien importierten Begriff "Antipsychiatrie" benutzt. Als antipädagogischer Freiheitskampf wurde somit eine Gegentheorie zur Behauptung entwickelt, man müsse Kinder erziehen. Entsprechend polemisch, bissig, gar zynisch-spöttisch sind die Argumente vorgetragen, angespornt von einer kämpferischen Wut gegen die pädagogischen Machtmenschen. Zielsicher und scharfsichtig wird darin die pägdagogische Einstellung analysiert, die geprägt ist von Mißtrauen, Arroganz, Moralisierung und letztlich Menschenfeindlichkeit. Verbunden damit ist die Forderung, Kinder als gleichberechtigte Menschen wahrzunehmen, die nicht verbessert, bekehrt, erzogen werden müssen, sondern denen man Respekt, Vertrauen, Verständnis und Unterstützung bieten sollte.
"Zeit für Kinder - Theorie und Praxis von Kinderfeindlichkeit, Kinderfreundlichkeit, Kinderschutz (Ein Lernbuch zur Beseitigung der Unsicherheit im Umgang mit Kindern)", Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1978, 16. Auflage 1995
In der Polemik gemäßigt und auf sachliche Vermittlung und einfache Verständigung bedacht, werden in diesem Buch viele praktische Beispiel durchdacht und Denkalternativen angeboten: "Dieses Buch ist ein Lernbuch. Es will Ihnen nicht, wie die Erziehungsratgeber, beibringen ("lehren"), wie Sie mit Kindern besser fertig werden. Es will auch nicht Ihre Unsicherheit im Umgang mit Kindern abbauen. Es ist ein Lernbuch, ein Lerngegenstand, ein Gebrauchsgegenstand, der es Ihnen ermöglicht, Ihre Unsicherheit im Umgang mit Kindern zu beseitigen. Ich habe zu diesem Zweck - nach nötigen Informationen und Erörterungen - viele bewährte Rezepte aufgeschrieben, mit denen Sie die Schlußfolgerungen ziehen können, die Ihnen selbst gefallen und entsprechen. So ähnelt dieses Buch durchaus einem Kochbuch, dessen Rezepte allein ja auch niemanden sättigen. Die Arbeit des Kochens bleibt Ihnen überlassen, ebenso die Auswahl der Gerichte" (8).
"Der heimliche Generationsvertrag. Jenseits von Pädagogik und Antipädagogik", Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1986 (vergriffen)
Ein ungemein
gedankenvolles und aufwühlendes Buch, dass meines Wissens so manche LeserInnen
wegen der Gedankenfülle überfordert hat. Dieses Buch fordert von den
Leserinnen einiges ab und man braucht eine gehörige Portion Geduld und
Offenheit, um sich auf die "schwerwiegenden" Gedanken einzulassen.
Das Buch war ein Versuch, die damalige Kluft und Glaubenskriege zwischen "Pädagogik"
und "Anitpädagogik" überwindbar zu machen. In diesem Buch
hat sich Braunmühl "darum bemüht, eine neue Basis zu erkunden,
deren Weiterentwicklung (es handelt sich hier fraglos um langfristige Prozesse)
wieder eine Verständigung zwischen Menschen unterschiedlicher Grundüberzeugung
möglich zu machen (...)"(8).
(A) "Zur Vernunft kommen. Eine "Anti-Psychopädagogik", Beltz Verlag, Weinheim 1990
Für mich ist dieses Buch der Höhepunkt seines Schaffens. Es besticht durch eine äußerst differenzierte, klare Sichtweise und wirkt angenehm wohltuend. Meiner Ansicht nach ein kleiner Geniestreich! Wie nebenbei begründet Braunmühl hier mit seinem Seele-Verstand-Modell eine Art praktische Philosophie der Lebenskunst. Seine Grundgedanken hierzu haben mich aufjedenfall derart angeregt, so dass sie noch nach längerer Zeit der Lektüre scharf vor meinem inneren Auge erkennbar sind. Dieses Buch hat mich wohl am stärksten beeindruckt und die Gestaltung meiner Lebensqualität praktisch und hilfreich unterstützt. Braunmühl bietet aufklärerische Gedanken darüber, wie wir konstruktiv das Verständnis und die Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen gestalten können.
(B) A.Böhm/E.v.Braunmühl:
"Liebe ohne Hiebe - Der Weg zu harmonischen Familienbeziehungen, Patmos
Verlag , Düsseldorf 1993
(C) A.Böhm/E.v.Braunmühl: "Gleichberechtigung im Kinderzimmer
- Der vergessene Schritt zum Frieden, Patmos Verlag, Düsseldorf 1994
Diese beiden Bücher hat Braunmühl zusammen mit seiner langjährigen Lebenspartnerin Anette Böhm geschrieben. Vom Stil her sind sie zum Teil sehr spielfreudig und experimentell gestaltet. Vom Inhalt her können sie als Vertiefung und Weiterführung der Gedanken aus dem Buch "zur Vernunft kommen" verstanden werden. Sie sind jedoch auch als eigenständige Bücher verständlich geschrieben. Wie in dem Buch "Zur Vernunft kommen" sind auch in diesen Büchern gehaltvolle Gedanken enthalten, deren weitreichende Konsequenzen man wohl erst durch gründliches nach- und weiterdenken begreift.
Anmerkung:
Die drei Bücher (A), (B) und (C) sind derzeit (Stand: 30.08.2004) unter folgender Adresse noch erhältlich:
Annette Böhm, Hülchrather Str. 3, 50670 Köln
"Was ist antipädagogische Aufklärung? Mißverständnisse, Mißbräuche, Mißerfolge der radikalen Erziehungskritik, Kid-Verlag, Bonn 1997
Schade, dass
es zu diesem Buch notwendigerweise kommen musste. Denn damit wurde deutlich,
dass die antipädagogische Aufklärung es derzeit schwer hat, bei interessierten
und aufklärungsbereiten BürgerInnen die nötige Aufmerksamkeit
zu finden, die sie verdient hat. In seinem (meines Wissens) bisher letzten Beitrag
zu dieser Thematik macht Ekkehard von Braunmühl auf einen Skandal aufmerksam.
Der Begleittext zum Buch bringt dies wohl am besten zum Ausdruck: Ekkehard von
Braunmühl "verteidigt mit dieser Schrift die von ihm begründete
"Antipädagogik" (...) gegen den akademischen "Antipädagogen"
und Gründer des "Freundschaft mit Kinder-Förderkreis e.V., Münster",
Dr. Hubertus von Schoenebeck. Dieser habe als rein eigennütziger "Guru"
mit seiner durch plumpen Betrug aufgebauten "Sekte" die seriöse,
rationale und realistische antipädagogische Aufklärung seit mehr als
15 Jahren systematisch sabotiert und sei in Wirklichkeit ein "narzißtischer
Scharlatan" und "gemeingefährlicher Verführer zur Gewalt
gegen Kinder". Dr. von Schoenebeck leide unter der Denkstörung "Subjektivitis",
er sei nicht "antipädagogisch", sondern "unzurechnungsfähig",
seine hochtrabend als avantgardistische angepriesene sogenannte "Lebensphilosophie"
verdiene die Diagnose "regressiver Infantilismus" (...)
Neben dieser Aufklärung über einen nahezu unglaublichen Etikettenschwindel
- auch mit dem Begriff "Kinderrechtsbewegung" - enthält diese
Schrift zahlreiche weiterführende Argumente und Ideen, die eine neue grundsätzliche
Diskussion über die Beziehungen zwischen Erwachsene und Kindern - persönlich,
professionell und politisch - anregen können".
In diesem Buch kommt m.E. Braunmühls Enttäuschung über die (scheinbare!?) Erfolglosigkeit seiner langjährigen Arbeit zum Ausdruck, wenn er schreibt: "Wer als hauptberuflicher Grübler und Schreiber über Jahrzehnte mehr Geld für Bücher ausgibt, die er liest, als er für Bücher einnimmt, die er schreibt, muß er ja wirklich etwas Grundsätzliches falsch machen und braucht sich keiner Pflichtverletzung schuldig fühlen, wenn er (seinen Beruf) aufgibt" (127).
Als Lehrer der u.a. auch das Thema "Pädagogik" mit seinen SchülerInnen verhandelt, ist für mich die antipädagogische Aufklärung weiterhin hochaktuell und in vieler Hinsicht notwendig.
Wer erzieht wen mit welchen Mitteln zu welchem Zweck?
"Erziehen = df.. Von einem Menschen s1 auf einen Menschen s2 gerichtetes absichtsvolles und geplantes Zuführen von Impulsen mit dem Ziel, dass s2 diese Impulse als Reize oder Informationen so verarbeitet, dass s2 Verhaltensbereitschaften bewahrt oder erwirbt oder so verändert, dass s2 (in einer festgelegten Zeit) Verhalten realisiert, das den Soll-Zuständen von s1 entspricht" (Alisch/Rössner)
"Unter Erziehung werden soziale Handlungen verstanden, durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen mit psychischen und/oder sozial-kulturellen Mitteln in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Komponenten zu erhalten" (Wolfgang Brezinka)
"Unter Erziehung verstehen wir die planmäßige Tätigkeit, durch welche die Erwachsenen das Seelenleben von Heranwachsenden bilden" (W. Dilthey)
"Erziehung ist der Versuch, mit Hilfe geeigneter Handlungen die moralische Wirklichkeit eines Anderen anzuregen oder zu verbessern" (Jürgen Oelkers)
"Bei der Erziehung handelt es sich um einen bewußten Eingriff in das Leben der Nachgeborenen. Dieser Eingriff setzt zweierlei Erkenntnismodalitäten voraus: (1.) Ohne das Gewähren von Erziehung ist Individuation und Menschwerdung nicht möglich (...). (2.) Für den Erziehungsprozeß selbst ist die einfallsreiche, vielleicht auch listige Umlenkung destruktiver Strebungen des Kindes unumgänglich, die Anwendung von Gewalt dabei nicht auszuschließen, da die noch unabgeschliffenen Bedürfnisse des Kindes in eine entwickelte Gruppe/Familie/Sozietät nicht konstruktiv einzupassen sind und es zudem unmittelbare Gefahren für das Kind abzuwenden gilt".(Hans-Joachim Gamm)
"Erziehung impliziert immer ein Gewaltverhältnis von Menschen über Menschen. Die Pädagogik ist gleichsam immer unzufrieden mit dem Menschen, so wie er jeweils ist" (Hermann Giesecke)
"Der Mensch kann nur Mensch im vollen Sinne durch Erziehung werden" (Theo Dietrich)
"Erziehung betrifft einen Vorgang, der den Menschen in den Bereich der sittlichen Normen einführt und ihm eine Lebenshilfe anbietet, damit er sein Leben menschlich gestaltet und für das Zusammenleben in der Gesellschaft tauglich wird" (Theo Dietrich)
"Erziehung heißt, einen Menschen seiner Bestimmung als Mensch zuzuführen" (Heinrich Roth)
"Wenn Sie möchten, daß Ihr Kind ein bestimmtes Verhalten öfter zeigt, brauchen Sie es dafür nur zu loben". "Ablenkungsmanöver sind eine der Hilfen, mit denen kluge Eltern ihr Kind lenken" (Moderner Erziehungsratgeber)
Ein "Weg, die geistige Entwicklung Ihres Kindes zu fördern, besteht darin, Bestärkung, Liebe und Lob zur wichtigsten Form der Disziplinierung zu machen. Denn diese Techniken funktionieren sehr effektiv nicht nur da, wo es um Förderung des sozialen und emotionalen Wachstums geht, sondern auch bei der intellektuellen Entwicklung" (Moderner Erziehungsratgeber)
"Erziehung ohne Strafe mißrät (...). Wer total auf jede Strafe verzichtet, nährt im Kind den Eindruck, es sei so wenig wert, dass es nicht einmal strafwürdig ist" (Peter Struck)
"Im Jugendalter müssen die Grundzüge der erzieherischen Persönlichkeitsbildung weitgehend abgeschlossen sein. Angesagt ist nun Bildung als Feinarbeit, so wie bei einem Spalierobst, dessen Grundstruktur der Ästebildung ziemlich fertig ist, so dass es nur noch geringe Korrekturen von Richtungsvariationen und Beschneidungen gestattet" (Peter Struck)
in der Erziehung kommt es letztlich "Auf die richtige Dosierung an. Ein Zuviel ist genau so schlecht wie ein Zuwenig. (...) Die Dosierung von Liebe muß stimmen, weil ihr Mangel und ihr Übermaß Störungen in der Persönlichkeitsentwicklung und nur geringe positive Sozialisationseffekte bewirken" (Peter Struck)
Wenn von "Erziehung" die Rede ist, wird deutlich, dass damit ein Vorgang gemeint ist, Menschen mit bestimmten Methoden absichtlich in eine bestimmte Richtung formen zu wollen. Dabei wird eine Beziehungsform entwickelt ("pädagogischer Bezug"), die durch eine "Um...zu"-Mentalität regiert wird. Beispiel: "Um ein Kind zu einem bestimmten Verhalten zu bringen, brauchen wir es nur zu loben bzw. zu tadeln". Eine solche Beziehungsform verhindert einen gleichberechtigten, respektvollen, wechselseitig offenen Kontakt. Die Antipädagogik dagegen macht deutlich: Wir können durchaus auf diese Art von Erziehung verzichten. Wir müssen nur eigene Absichten, das Verhalten, Bewußtsein und die Emotionalität anderer Menschen gezielt mit allen möglichen Tricks und Methoden ändern zu wollen, konsequent aufgeben. Im folgenden hierzu ein paar wertvolle Zitate und Gedanken:
Frage: Was heißt Erziehung, die abgeschafft werden muss?
Antwort:
"Um diesen Begriffswirrwarr aufzulösen, möchte ich zunächst
deutlich machen, was ich unter "Erziehung", die abgeschafft werden
muss, nicht verstehe:
'Erziehung' im engeren und eigentlichen Sinne bezeichnet einerseits nicht Versorgungs- und Pflegeleistungen, also Hilfstätigkeiten, die speziell für Kinder geleistet werden müssen, andererseits auch nicht Verhaltensweisen des täglichen Umgangs mit Kindern, die sich von solchen des Umgangs mit Erwachsenen prinzipiell nicht unterscheiden.
Zur Erläuterung: Man
muss sich entscheiden. Entweder findet 'Erziehung' überall statt, wo Einflüsse
ausgeübt werden und Lernvorgänge ablaufen, dann ist alles, was Menschen
tun und erleben, 'Erziehung'. Über 'Erziehung' zu sprechen wäre dann
ebenso sinnlos, wie wenn wir uns gegenseitig andauernd auf unseren Herzschlag,
unser Atmen, unsere Verdauung usw. aufmerksam machen würden. - Oder wir
einigen uns darauf, als 'Erziehung' nur ganz bestimmte Vorgänge zu bezeichnen,
die nicht sowieso immer passieren, und die auch etwas mit dem Unterschied zwischen
Erwachsenen und Kindern zu tun haben.
Die meisten Erziehungswissenschaftler haben sich darauf geeinigt, das Wort 'Erziehung'
für Handlungen zu reservieren, mit denen Erwachsene die Absicht verfolgen,
Kinder so zu beeinflussen, dass sie bestimmte Erziehungszielen näherkommen.
Sie sprechen deshalb von 'intentionaler Erziehung', bei der es also auf die
Intention, die Absicht der Erwachsenen ankommt" (Braunmühl 1978, 84)
Frage: O.K. - Wenn damit
die autoritäre Erziehung gemeint ist, einverstanden! Aber es gibt doch
auch Erziehungsmethoden und -stile, bei denen Kinder geachtet und wertgeschätzt
werden, wie z.B. den demokratischen-partnerschaftlichen Erziehungsstil?
Antwort:
"Menschen gegenüber sich nach einer bestimmten 'Methode' zu verhalten,
ob dies nun Lob, Gebote, Vorbilder sind oder Strafen, Verbote, Drohungen, ob
es sich um gesellschaftlich positiv gewertete oder eher negativ gewertete Mittel
handelt, bedeutet, Menschen gegenüber zu verhalten, als wären sie
Objekte. Dies läßt den so behandelten Menschen gar keine andere Wahl,
als sich ebenfalls zu diesen sie so behandelnden Menschen wie zu Objekten zu
verhalten. Die menschliche Subjektivität, also auch die Vernunft, wird
ausgeklammert, negiert, die Menschen benutzen sich gegenseitig wie Instrumente,
um ihre jeweils eigenen Ziele durchzusetzen; daß es gemeinsame Ziele geben
könnte, die Eltern und Kinder gemeinsam angehen könnten, wird nicht
erfahrbar, nicht denkbar und so auch nicht realisierbar."
"Anwendung von 'Stilen' muß das menschliche Verhältnis der Eltern
zum eigenen Kind genauso ersticken wie Anwendung von Methoden. Werden Stile
zum Prinzip und die Frage, ob man sie richtig anwendet, zur hauptsächlichen
Überlegung, wird wiederum die menschliche Subjektivität negiert -
wenn der Umgang der Menschen untereinander, wenn man einen demokratischen Erziehungsstil
anstrebt, auch freundlicher erscheinen mag. - Andererseits: wenn Menschen wirklich
zusammen versuchen herauszufinden, was das Beste für alle ist und wie man
das gemeinsam realisieren kann, kann von 'Erziehung' gar nicht mehr gesprochen
werden; wenn die Eltern dabei genauer wissen, was notwendig ist, und dies mit
in die Diskussion bringen oder in Rechnung stellen, geht es nicht mehr um Grenzen,
die man aus pädagogischen Gründen setzen muß, und man braucht
nicht den damit erzeugten Widerstand brechen"(Ulmann 1987, 103ff).
Frage: Wie steht es mit den Grenzen? Kinder und Jugendliche brauchen doch Grenzen, sonst könnten sie ja alles machen, was sie wollen?
Antwort:
Die "Grenzfrage" macht ganz gut die Scheidelinie zwischen dem alten,
erzieherischen und dem erziehungskritischen Menschenbild deutlich: Während
für die Erziehung allgemeingültige Kriterien für Richtigkeit
beansprucht werden, gehen die antipädagogischen Ansätze davon aus,
dass in einer echten, kontaktvollen Kommunikation Auf-Richtigkeit statt einer
von außen festgelegten Richtigkeit gefragt ist.
"Die erzieherische
Einstellung geht davon aus: Um Kinder zu erziehen, muss man ihnen Grenzen setzen
und deren Respektierung notfalls mit Gewalt erzwingen. Schließlich dürfen
sie ja nicht machen, was sie wollen. Die antiautoritäre Erziehung, die
den Kindern möglichst überhaupt keine Grenzen zumuten wollte, war
insofern ein riesenhafter Betrug, als sie über die Begrenztheiten der Erwachsenen
hinwegtäuschen wollte. Wer das pädagogische Denken durchschaut hat,
kann sich an folgendem Modell, das Gleichberechtigung herbeiführt, sicher
orientieren:
Kinderfreundlichkeit wird hintertrieben, wenn die Erwachsenen zu sich selbst
unfreundlich sind. Kinder zu achten, wie sie sind, mißlingt dem, der sich
nicht selbst achtet, wie er ist. Kinder brauchen Widerstände, an denen
sie sich entfalten können, aber sie brauchen keine pädagogisch gesetzten
Widerstände, sondern authentische Erwachsenen, die ihre eigenen Interessen
nicht verbergen, sondern vertreten und verteidigen. Um ein Bild zu gebrauchen:
Man kann in Gedanken einen Kreis um das Kind zeichnen und es in dieser ihm gesetzten
Grenze zu halten versuchen, und man kann ums sich selbst einen Kreis zeichnen
und diese eigene Grenze verteidigen. Es gibt ja Erwachsenen, die lassen sich
von ihren Kindern Dinge gefallen, die sie sich von einem Freund niemals gefallen
lassen würden. Ich habe das Recht, mich gegen körperliche Angriffe
und gegen Einmischungen in meine Intimsphäre zu wehren. Man kann in jedem
Einzelfall sehr leicht unterscheiden, welches Verhalten von diesem Notwehrprinzip
gedeckt wird und welches einen erzieherischen (Gegen-)Angriff darstellt"
(Braunmühl 1978, 102).
Frage: Was bedeutet Aufrichtigkeit nun konkret?
Antwort:
Zum Beispiel: "Weder Eltern noch Erzieher und Lehrer können Freundlichkeit
zu Kindern besser praktizieren als durch ehrlichen Respekt und respektvolle
Ehrlichkeit. Sie sollten ihre Wünsche (statt sie durch Heuchelei und erzieherische
Manipulation befriedigen zu wollen) ehrlich aussprechen...
Wenn Sie einmal ganz hilflos sind, weil Sie glauben, eine Situation unbedingt
ändern zu müssen, wenn Sie aber nicht wissen, wie Sie die Situation
ändern können, dann gibt es nur eine Möglichkeit: Sie sagen den
Kindern, dass Sie ganz hilflos sind, weil Sie glauben, die Situation unbedingt
ändern zu müssen, dass Sie aber nicht wissen, wie Sie die Situation
ändern können. Diese Möglichkeit hilft in jedem Notfall: Die
Kinder sagen Ihnen, was zu geschehen hat (...)
Sagen, erklären, zeigen Sie ihrem Kind alles, was bei Ihnen wirklich los
ist. All Ihre Gefühle und Wünsche sind von Bedeutung, auch wenn sie
unpassend, peinlich oder altmodisch zu sein scheinen (...). Nur so erhält
ihr Kind die Chance, frei auch seine eigenen Ideen, Gefühle, Sorgen in
den Dialog einzubringen" (Braunmühl 1978, 152ff).
Die Maxime der Aufrichtigkeit
(der Pädagogikprofessor Wolfgang Hinte nennt das "Kontakt ohne List")
führt auch dazu, dass erziehungskritische AutorInnen sehr genau zwischen
Begriffen unterscheiden, die in der erzieherischen Kommunikation häufig
auf dasselbe hinauslaufen: So z.B. zwischen einer Bitte oder einem Wunsch und
einem Befehl, oder auch zwischen einer bloßen Meinung und einem Anspruch.
"Wer einen Befehl als Bitte tarnt, trägt nicht etwa zu einem freundlichen
Gesprächsklima bei, sondern zur schleichenden Vergiftung und Verschleierung.
Machen Kinder in einem solchen Klima dauerhaft die Erfahrung, dass sie sich
auf ihre eigenen Wahrnehmungen nicht verlassen können, droht ein wichtiger
Teil ihrer Persönlichkeit zu veröden" (Poreski, 1993, 120f).
Und jetzt noch ein Beispiel, wie eine aufrichtige Verständigung behindert wird:
"'Reden Sie mit ihrem
Kind' ist einer der modernen Ratschläge für Erzieher, kaum aber wird
darüber nachgedacht, daß man sprechend auch Verständigung verhindern
kann, indem man die eigenen Gründe drumherumredend verschleiert, indem
man Kinder provoziert und beleidigt, sie nur scheinbar fragt, die Antworten
nicht abwartet, ihre Fragen nicht wirklich beantwortet, sie statt dessen vollquatscht
und mundtot macht".
Stellen wir uns vor, eine Mutter bittet ihr 2jähriges Kind zur Kommode:
"Kommst mein Schatz zum Wickeln? Raufheben oder raufklettern?" - Dies
ist ein recht gutes Beispiel für eine 'demokratisch' gemeinte Redeweise
mit Kindern. Es wird eine Frage gestellt, aber bevor das Kind antwortet, wird
eine 2. Frage gestellt, die voraussetzt, daß das Kind die 1. Frage so
beantwortet hat, wie der Erwachsene es hören will. Dies wird verdeckt dadurch,
daß die 2. Frage eine Alternative enthält, also scheinbar eine freie
Entscheidung zuläßt. Ob sich das Kind nun für raufklettern oder
für raufheben entscheidet - in jedem Fall entscheidet es sich damit für
Wickeln.
Das Kind schreit: 'Nein, nein, ich will nicht' - womit es die drei Fragen gemäß
seiner Absicht eigentlich ganz richtig beantwortet" (Ulmann 1993,199f).
"Etwas nur aus 'pädagogischen Gründen' zu tun, führt notwendigerweise zu 'pädagogischen Sonderveranstaltungen', zu 'erziehungsförmigen' Maßnahmen. Eltern schenken ihrem Kind eine Topfpflanze, damit es 'Verantwortung lernt', obwohl weder sie noch das Kind an Pflanzen interessiert sind. Sie lassen den Müll extra stehen, damit das Kind seine Aufgabe hat und erfüllt, obwohl es ihnen ein Leichtes wäre, den Müll mit runter zu nehmen. Oder auch: sie unterbrechen ihre Arbeit, um sich dem Kind voll zuzuwenden. Dem Kind kann das alles gar nicht verständlich werden" (Ulmann 1993, 204).
In der Kommunikation mit anderen Menschen suche ich von mir aus nach einem aufrichtigen Kontakt ohne verklärende Illusionen und ohne List und allen möglichen Tricks. Bei all den erziehungskritischen Ansätzen wird mir vor allem eines deutlich: es kommt auf die Gestaltung eines offenen Kontakts zwischen Menschen an, der das Einbringen der eigenen Person und damit auch Konfliktfähigkeit begünstigt. Eine erzieherische Ambition vergiftet eine solche Kontaktmöglichkeit.
Bemerkenswert finde ich hierzu die Aussage des bekannten Paartherapeuten Michael Lukas Moeller:
"Kinder richten sich nie nach unseren bewussten Erziehungsregeln, in denen sich unsere Illusionen ausdrücken, wie wir sie haben wollen. Unsere Kinder richten sich ausschließlich danach, wie wir selbst sind. Die beste und einzige Erziehungsmaßnahme ist daher die Arbeit der Eltern an sich selbst" (Moeller 2000, 175f).
Dieses Prinzip einer inneren Haltung im Umgang mit Menschen gilt auch für andere Beziehungsbereiche:
Michael Lukas Moeller mach deutlich, dass das, was in einer aufrichtigen Kommunikation in Paarbeziehung von Bedeutung ist, auch für Elter-Kind-Beziehungen entscheidende Konsequenzen hat. Was für Paarbeziehungen gilt, gilt auch für die Beziehung zu Kindern. Hierzu die "Klärungshelfer" Friedeman Schulz von Thun und Christoph Thomann:
"Je mehr in einer Paarbeziehung der eine den anderen zu seinem Gebiet hinziehen will, damit er endlich so ist, wie ich ihn haben will, wie ich ihn brauche, desto mehr sträubt sich dieser" (Thomann/Schulz von Thun 188, 170). Hier wird deutlich: Erziehung in Paarbeziehungen bewirkt nicht nur nicht das Gewünschte, sondern geradezu das Gegenteil. Analog dazu spricht Ekkehard von Braunmühl vom pädagogischen Gegenteileffekt als dem einzig meßbaren erzieherischen Effekt. Im Erziehungsakt wird nämlich nicht nur die gute Absicht der erziehenden Person vermittelt, sondern gleichzeitig auch eine Wertungsbotschaft, die dem Kind deutlich macht, daß es so, wie es ist, nicht in Ordnung ist - eine Botschaft, die das Selbstvertrauen zerstört, Veränderungen aus persönlicher Einsicht hemmt und den aufrichtigen Kontakt vergiftet.
Wer zwischenmenschliche Kommunikation verbessern will, kann an drei verschiedenen Stellen ansetzen (in Anlehnung an Schulz von Thun 1990, 19):
1. Ansatz am Individuum. Das heißt: ich fange bei mir selber an,
ganz nach dem Motto: "Willst Du ein guter Partner sein, dann horch erst
in Dich selbst hinein". Bei einer solchen Persönlichkeitsklärung
geht es darum, die eigenen Eigenarten, Verletzlichkeiten, Bedürfnisse und
"Macken" kennenzulernen: Was bin ich für einer, wie bin ich zu
dem geworden, welche persönlichen Umgangsweisen sind mir eigentümlich?
Hier besteht die Chance, unterentwickelte Persönlichkeitsanteile zu vervollkommnen
und sich selbst mehr und mehr zu befähigen, bewusster über sich selbst
zu werden. (Personenkompetenz).
2. Ansatz an der Art des Miteinanders. Hier kann z.B. gefragt werden:
Wie gehen wir miteinander um? Welche Umgangsformen herrschen vor? Welche Spielregeln
bestimmen unser Miteinander bzw. unser Gegeneinander?
Zudem kommt noch, dass gewisse Umgangsformen von gesellschaftlichen Gepflogenheiten,
Erwartungen, Regeln, Gesetzen, Vorschriften usw., aber auch von den jeweiligen
Lebensbedingungen (Institutionen) bestimmt werden. Diese Blickfelderweiterung
führt zum
3. Ansatz an den institutionellen/gesellschaftlichen Bedingungen. "Veränderungswürdig
erscheinen hier weder der einzelne noch die Interaktion zwischen mehreren, sondern
die Zustände, unter denen die Menschen zusammenkommen und die ihnen bestimmte
Umgangsformen aufzwingen oder zumindest nahelegen" (20). Zum Beispiel:
Frontalunterricht erschwert eine gleichberechtigte Kommunikation zwischen LehrerInnen
und SchülerInnen. Allein schon die Änderung dieser Unterrichtsstruktur
ermöglicht ganz andere Kommunikationsformen.
Schlußendlich:
Einmal wurde ich von meinen SchülerInnen folgendes gefragt: "Welche pädagogische Grundhaltung vertreten Sie?"
Ich antwortete
ihnen mit folgenden Worten:
Meine pädagogische Grundhaltung im Umgang mit Kindern, Jugendlichen
und Erwachsenen will ich so beschreiben: Kraft meiner Person will ich mit all
meinen Fähigkeiten, meinem Wissen, meinen Wünschen, Gefühlen,
Erfahrungen und meinen Wertmaßstäben im Umgang mit Kindern, Jugendlichen
und Erwachsenen möglichst präsent sein und so den jeweiligen Bezugspersonen
die Möglichkeit geben, auch ihre Wünsche, Vorstellungen, Gefühle,
Erfahrungen und Wertvorstellungen zu artikulieren sowie im gemeinsamen Gespräch
zu klären, zu prüfen und zu beurteilen im Hinblick auf die möglichen
Folgen und mit dem Ziel einer selbstbestimmten, selbstverantwortlichen und mitmenschlich
bezogenen Lebensführung. Dabei gibt es für mich kein Konzept einer
"richtigen" Pädagogik. Als Pädagoge will ich die Besonderheit
der jeweiligen Lebensbiographie akzeptieren und jeweils von ihr ausgehend konkrete
Anschlußmöglichkeiten finden. Das heißt auch, daß ich
die weltanschaulichen, religiösen und ganz individuellen Standpunkte respektiere.
Andererseits wage ich es auf dieser Grundlage des Respekts kraft möglichst
guter Argumente den Streit um das "bessere" oder "vernünftigere"
Leben, also die Konfrontation und Auseinandersetzung in der Begegnung unterschiedlicher
Lebensvorstellungen anzugehen.
In dem Wissen, daß ich anderen Menschen nichts "vormachen" kann,
was für sie gut und richtig sein soll, kann ich ihnen auch kein "vorbildliches"
Leben vorgaukeln. So erarbeite ich mir eine gelebte und aufrichtige Integrität,
ohne mit ihrem Einfluß auf andere Menschen zu liebäugeln. Da ich
bestimmte Werte einfach selbst lebe (nicht sie 'vorlebe') und mich an bestimmten
Werten selbst orientiere und damit 'gut fahre' sowie mit möglichst guten
Argumenten vertrete, bin ich überzeugt, daß diese Werte von selbst
eine starke Anziehungskraft ausüben können, wenn sie für andere
als sinnvoll für ihr eigenes Leben erscheinen. Dabei kann eine "Erziehungskraft"
nur störend wirken. Beim "pädagogischen" Umgang mit anderen
Menschen geht es mir also nicht um Richtigkeit, sondern um Aufrichtigkeit. Ich
suche den aufrichtigen Kontakt ohne erzieherische List und allen möglichen
Tricks. Das ist für mich trotz oder gerade wegen des Pädagogikstudiums
selbstverständlich geworden. Mit dieser Grundhaltung trete ich als Pädagoge
ohne erzieherische Ambitionen zu anderen Menschen in Kontakt.
Literatur:
Die Bücher von Ekkehard von Braunmühl siehe unter Punkt 2
Hinte, Wolfgang 1986: Gesucht: Kontakt ohne List. Antipädagogik, päd.extra 2/86, 41-45
Moeller, Michael Lukas 2000: Gelegenheit macht Liebe. Glücksbedingungen in der Partnerschaft, Reinbek bei Hamburg
Poreski, Thomas 1993: Chancen der pädagogischen Legitimationskrise - Grundzüge und Konsequenzen einer erziehungskritischen Ethik, Diplomarbeit am Institut für Erziehungswissenschaft Tübingen
Schulz von Thun, Friedemann 1990: Miteinander Reden 1. Störungen und Klärungen, Reinbek bei Hamburg
Thomann, Christoph/Schulz von Thun, Friedemann 1988: Klärungshilfe. Handbuch für Therapeuten, Gesprächshelfer und Moderatoren in schwierigen Gesprächen, Reinbek bei Hamburg
Ulmann, Gisela 1987: Über den Umgang mit Kindern. Orientierungshilfen für den Erziehungsalltag, Frankfurt a.M.
Links:
Antipädagogik-Seite von einigen Leuten der Kinderrechtsgruppe KRÄTZÄ