Gewaltfreie Kommunikation und die Falle der destruktiven Friedfertigkeit

Timo Wendling ~ 18. Oktober 2010

„Die Giraffensprache meiner Eltern nervt mich. Das macht mich manchmal richtig aggressiv. Die Wolfssprache ist doch viel klarer“, entgegnete mir eine 13-jährige Schülerin in einem Gespräch über die Gewaltfreie Kommunikation. Wie kommt sie wohl zu dieser Einschätzung? Ich vermute mal, hier verläuft die Kommunikation nicht ganz stimmig.

Die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) nach Marshall Rosenberg arbeitet mit zwei Symboltieren: die Giraffe und der Wolf. Der Wolf ist das Symbol für die gewaltvolle Kommunikation. Die Giraffe steht für das Symbol der “einfühlsamen Kommunikation”. Die Giraffensprache setzt sich aus vier Komponenten zusammen:

1. Beobachtung ohne Bewertung

2. Gefühle

3. Bedürfnisse/Werte

4. Bitten

Zum Thema „Unpünktlichkeit“ könnte ein Betroffener in der Giraffensprache folgendes zum Ausdruck bringen: „Wenn ich eine halbe Stunde hier auf dich warte, ohne etwas von dir zu hören, werde ich sauer! Ich möchte meine Zeit sinnvoll nutzen, gleichzeitig ist mir Verlässlichkeit bei Verabredungen wichtig. Deshalb möchte ich dich bitten, mich künftig so früh wie möglich zu informieren, wenn du merkst, dass du unsere Verabredungen nicht einhalten kannst. Ist das o.k. für dich?“

Dagegen setzt die Wolfssprache auf abwertende Du-Botschaften. Zum Beispiel könnte es dann so lauten: „Wie kannst du mich hier einfach so lange warten lassen? Mensch, bist du unzuverlässig! Typisch, immer das Gleiche mit dir!“.

Während die Giraffensprache in Konflikten deeskalierend wirken kann, ist bei der Wolfssprache ein Anheizen des Konflikts wahrscheinlicher. Doch ist dies in jedem Fall zu vermeiden? Sollte die Wolfssprache immer in jeder Situation und in jedem Konflikt vermieden werden und stattdessen die GFK in Form der Giraffensprache zum Ausdruck kommen?

Ich sehe hier folgende Fallstricke:

1. Die GFK wird von manchen Menschen zu oberflächlich angewendet. Somit verkommt sie zu einer Verhaltensschablone. Hier besteht die Gefahr, dass die innere Wirklichkeit nicht mit der Äußerung kongruent verläuft und somit eine verwirrende Unstimmigkeit entsteht, die andere wiederum aggressiv werden lässt. GFK zu sprechen heißt noch lange nicht, dass meine Äußerungen von meiner inneren Haltung gedeckt sind. Hier könnte der Wolf im Giraffenpelz sprechen.

2. Die GFK wird dahingehend missverstanden, dass die Giraffensprache in jedem Konfliktfall sofort und immer angewendet werden soll. Hier sehe ich die Möglichkeit, dass z.B. aggressive Gefühle der Wut oder des Ärgers erst gar nicht zum Ausdruck kommen und somit bewusst erlebt werden können, da sie durch ein konzeptgemäßes Verhalten vorschnell weggeschlichtet werden. Die Verletzungen aus dem Konflikt können dabei ins Bodenlose fallen und wirken von dort aus unerlöst weiter. Eine solche Aggressionsunterbindung reizt dann bis aufs Blut und wird mehr desselben zu einer der stärksten Quellen vor Aggressivität. Verdrängte Aggressivität ist stets in Gefahr, zur Destruktivität zu verkommen, weil das tiefste Bedürfnis des Menschen, zu sich selbst zu kommen, unbefriedigt bleibt. So entsteht aus dem Ziel einer gewaltlosen Friedensfähigkeit eine destruktive Friedfertigkeit. ¹

Hier fällt mir der Kommunikationspsychologe Schulz von Thun ein, der sich unlängst für eine gewisse „Rehabilitierung der Du-Botschaft“ einsetzt: „Die spontane Du-Botschaft, eingebettet in eine klärende Auseinandersetzung, kann geradezu ein Königsweg sein, um dahinterzukommen, was sich innerlich abspielt“ (1989, 132).² Auch ich mache manchmal die Erfahrung, dass, wenn ich z.B. aggressive Gefühle der Wut nicht unmittelbar zum Ausdruck bringen und somit bewusst erleben kann, ich kaum an die darunter liegenden Gefühle und Bedürfnisse ran komme. Dadurch verfehle ich mich dann selbst. Hierzu nochmals Schulz von Thun: „Es trifft zu, dass der Mensch ein seelisches Schichtenwesen ist: hinter mancher Wut ist tiefer Schmerz, Traurigkeit und Sehnsucht nach Angenommensein“ (136). Demnach kann ich authentisch nur jeweils die Gefühle und Bedürfnisse zum Ausdruck bringen, die zuoberst liegen. Hierzu eine Skizze (in Anlehnung an Schulz von Thun):

„Der einzige Weg in Konflikten hinaus führt hindurch“, heißt es in der Klärungshilfe.³ Insofern haben zur Konfliktauflösung die spontanen negativen Gefühle, die in Form der Wolfssprache laut werden können, oftmals eine Schlüsselfunktion, vor allem dann, wenn im Nachhinein eine Konfliktklärung genutzt werden kann. Deshalb halte ich auch die von Schulz von Thun getroffene Unterscheidung von zwei Phasen in der Konfliktaustragung für sinnvoll:

„1. Die Phase des akuten Ausbruches, zum Zeitpunkt der unmittelbaren Betroffenheit, an dem sich die Gefühle ereignen.
2. Die Phase der Nachbereitung, zum späteren Zeitpunkt, wenn sich die ausgebrochenen Gefühle gesetzt haben, aber vielleicht noch etwas nachgeblieben ist – und sei es nur der Wunsch, darüber noch einmal zu reden“
(135).

Meinem Verständnis nach geht es hier also nicht um Aggressionsunterbindung, sondern um Aggressionsreifung, das heißt um die Fähigkeit, den Umgang mit dem eigenen aggressiven Potential in die Gesamtpersönlichkeit zu integrieren. In der Phase der Nachbereitung eines Konflikts bietet die GFK vor allem im Sinne einer Selbstklärung (Giraffenohren) einen wertvollen Beitrag.

Literatur:
¹ Moeller Lukas Michael 1992: Der Krieg, die Lust, der Frieden, die Macht. Hamburg
² Schulz von Thun Friedemann 1989: Miteinander Reden 2. Hamburg
³ Thomann Cristoph, Prior Christan 2007: Klärungshilfe 3. Hamburg
Empfehlung zur Vertiefung:
Stierlin Doctor Larissa 2010: Kommunikationpsychologie nach Schulz von Thun und Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg – eine gegenseitige Bereicherung, in: Schulz von Thun Friedemann, Kumbier Dagmar (Hg.): Impulse für Kommunikation im Alltag. Hamburg