Salutogenese: Was erhält Menschen gesund?

Timo Wendling ~ 10. Juli 2010

Der israelische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky hat das Konzept der Salutogenese entwickelt. Antonovsky hat dabei folgende zentrale Fragestellungen erforscht und begründet:

Warum bleiben Menschen – trotz vieler möglicher gesundheitsgefährdender Einflüsse – gesund? Wie schaffen sie es, sich von Erkrankungen wieder zu erholen? Was ist das Besondere an Menschen, die trotz extremster Belastungen nicht krank werden? Wie wird der Mensch mehr gesund und weniger krank?

Antonovsky nennt das aus diesen Fragestellungen heraus entwickelte Konzept „Salutogenese“ (Salut, lat.: Unverletztheit, Heil, Glück; Genese, grich.: Entstehung). Dieses Konzept steht dem der bisher dominierenden „Pathogenese“ entgegen (vgl. den biomedizinischen Ansatz).

Das Kernstück des Modells der Salutogenese ist der Kohärenzsinn.

Antonovsky geht davon aus, dass der Erhalt von Gesundheit von der individuellen, sowohl kognitiven als auch emotionalen Grundeinstellung eines Menschen abhängt. Antonovsky bezeichnet diese Grundeinstellung als Kohärenzsinn (sense of coherence, SOC). Kohärenz bedeutet Zusammenhang, Stimmigkeit. Je ausgeprägter der Kohärenzsinn einer Person ist, desto gesünder sollte sie sein bzw. desto schneller sollt sie gesund werden und bleiben.

Bei dieser Grundhaltung geht es darum, die Welt als zusammenhängend und sinnvoll zu erleben sowie ein grundlegendes Vertrauen aufzubauen, um das Leben mit all seinen Herausforderungen erfolgreich bewältigen zu können. Diese Grundhaltung und somit der Kohärenzsinn setzen sich nach Antonovsky aus drei Komponenten zusammen:

Verstehbarkeit:

Die Erfahrung, dass die Umwelt konsistent ist, das heißt, in sich stimmig ist, man Regelmäßigkeiten entdecken und Spielräume ausloten kann und die Umwelt weder monoton noch chaotisch ist. Die Ereignisse im Leben sind dadurch vorhersehbar und erklärbar. Verstehbarkeit drückt eine solide Fähigkeit aus, die Realität beurteilen zu können: „Verstehst du, was du tust und was passiert?“ Mit Verstehbarkeit meint Antonovsky ein kognitives (gedankliches) Verarbeitungsmuster.

Handhabbarkeit (bzw. Bewältigbarkeit):

Die Erfahrung, dass interne und externe Ressourcen zur Bewältigung der Anforderungen verfügbar sind. Die Anforderungen des täglichen Lebens werden als Herausforderungen angenommen. „Wie gehst du damit um?“ Mit Handhabbarkeit mein Antonovsky ein kognitiv-emotionales Verarbeitungsmuster.

Sinnhaftigkeit (bzw. Bedeutsamkeit):

Die Erfahrung, dass es lohnend ist, sich den aus den Lebensereignissen resultierenden Anforderungen gegenüber aktiv einzusetzen, und dass die Beteiligung an Entscheidungsprozessen für die Gruppe oder die Gesellschaft, in der man lebt, wichtig ist und dass es möglich ist und Spaß macht, sich zu engagieren. „Welchen Sinn siehst du darin?“

Ein Beispiel, wie das Konzept der Salutogenese greifbar gemacht werden kann, liefert Prof. Heiner Keupp. Er verknüpft salutogenetische Fragen mit der Identitätsarbeit von Jugendlichen in seinem Artikel „Von der (Un-)Möglichkeit erwachsen zu werden.“

Quelle:
BZgA 2002: Was erhält Menschen gesund? Antonovsky Modell der Salutogenese – Diskussionsstand und Stellenwert, Band 6, Köln (erweiterte Neuauflage)