Heilen mit Liebe? – Dean Ornish – Beziehungsmedizin

Timo Wendling ~ 06. Juli 2010

Durch die intensive Auseinandersetzung mit den Werken von Michael Lukas Moeller hat sich mein Interesse für die Beziehungsmedizin verstärkt. Folglich habe ich mir zunächst das von Moeller wärmstens empfohlene Buch „Die revolutionäre Therapie: Heilen mit Liebe“ von Dean Ornish zugelegt.

Michael Lukas Moeller versteht unter Beziehungsmedizin folgendes:

„Die Beziehungsmedizin (…) betrachtet bei Gesundheit und Krankheit das körperliche und seelische Geschehen unter der Perspektive der wesentlichen Bindungen eines Menschen. (…) Alles spricht dafür, dass die Erfüllung oder Nicht-Erfüllung der zentralen Bindung den langfristig mächtigsten Faktor für Gesundheitsleben und Erkrankung darstellt (…).

Drei Forscher leisteten in meinen Augen entscheidende Beiträge auf diesem Gebiet:

James Lynch, der nachwies, dass so gut wie alle Krankheiten bei Menschen, die allein leben, doppelt bis vierfach häufiger auftreten. Das für mich erstaunlichste und ermutigendste Ergebnis ist der indirekte Befund, dass trotz der globalen Krise der Partnerschaft Beziehungen im großen Durchschnitt einen günstigen Einfluss entfalten.

James Pennebaker, der von kleinen Gruppen bis zu ganzen Stadtpopulationen die immunstärkende und gesundheitsfördernde Wirkung des „Opening up“, der Offenheit sich selbst und anderen gegenüber, entdeckte.

Dean Ornish, der in eigenen Forschungen und wissenschaftlichen Recherchen jede Form der Zuwendung und Liebe als bedeutendes Heilmittel auch für den „Spender“ ermittelte und daraus seine „revolutionäre Therapie“ ableitet“ (S.15f).

Im Folgenden will ich einige Gedanken zu dieser Art von Beziehungsmedizin in Bezug auf das Buch von Ornish darstellen.

Dean Ornish

Wer sich mit der Beziehungsmedizin beschäftigen will, kommt an Dean Ornish, einem amerikanischen Herzspezialisten und „Diät-Guru“, nicht vorbei. Ornish konnte in seinem Buch „Heilen mit Liebe“ durch viele Studien nachweisen, dass Liebe der beste Arzt sei, der Pillen und sogar Operationen überflüssig machen könne. Bekannt wurde er mit einer sehr speziellen, streng vegetarischen, fettarmen Diät für Herzinfarktgefährdete. Er hat nachgewiesen, dass Ablagerungen in den Herzkranzgefäßen sich ohne Medikamente zurückbilden können, wenn man die Diät genau befolgt, gleichzeitig Sport betreibt und sein Herz öffnet, d.h. seine echten Gefühle zulässt und zeigt. Wobei er die emotionale Arbeit und die Liebe für die wichtigsten Heilfaktoren hält.

Einsamkeit und Isolation sind Gift für den Körper, sagt Dean Ornish. Doch „wir können anderen nur in dem Maße nahe sein, wie wir gewillt sind, uns zu öffnen und unsere Verletzbarkeit zu zeigen“. Ornish konnte auch zeigen, dass nicht nur das Empfangen von Liebe und Nähe den Menschen aufrichtet, sondern dass auch das Geben von Liebe in allen helfenden, in allen liebevollen und zugewandten Beziehungen das Immunsystem stärkt.

Die wissenschaftlichen Studien, mit denen Ornish seine Thesen untermauert, sind äußerst faszinierend. Die meisten Forschungsberichte konnten überzeugend die überragende Macht der sozialen Unterstützung (Liebe) unabhängig von anderen Faktoren wie Ernährung, körperliche Bewegung, Rauchen usw. demonstrieren.

Engagiert und zutiefst persönlich lässt sich Ornish auf diese Zusammenhänge ein. Sehr sympathisch finde ich hierzu seine intime Beschreibung seiner Suche nach persönlicher Weiterentwicklung und Selbstfindung. Man erfährt, wie Ornish in der Liebe gelernt hat und welche Erfahrungen und „Fehler“ er gemacht hat. Das tut gut und motiviert einen selbst, auch bei sich zu suchen.

Zudem zeigt Ornish auch ganz praktische „Wege zur Liebe und Nähe“ auf. Es geht ihm dabei um das Erlernen von Kommunikationsfähigkeiten, die eine engere Beziehung zu Menschen ermöglicht. Seine Ausführungen erinnern dabei stark an die Thesen von Rosenbergs „Gewaltfreier Kommunikation“.

Besonders wichtig ist ihm hierbei die Unterscheidung zwischen Gefühlen und Gedanken: „Wir neigen dazu, Gedanken als Beurteilungen und Kritiken wahrzunehmen, die das Herz verschließen. Gefühle hingegen hören wir eher mit einem offenen Herzen – wie eine Einladung, näher zusammenzurücken, als ein Gefühl der Offenheit.“ Gefühle sind wahr, über Gedanken lässt sich streiten.

Ornish betont zudem auch die spirituelle Dimension der Liebe. „Wir haben ein emotionelles Herz, ein psychologisches Herz und ein spirituelles Herz“. Es geht ihm hierbei um die direkte Erfahrung der transzendenten Verbundenheit allen Lebens. Interessant ist hier auch der Hinweis, dass die Wörter heilen, holistisch und heilig dieselbe Wurzel haben.

Mich hat dieses Buch stark motiviert, ganz persönlich über meine sozialen Handlungen nachzudenken. Wann, wo und wie entstehen durch meine Handlungen „Nähe und Verbindung“ bzw. „Trennung und Isolation“?

Literatur:
Dean Ornish: Die revolutionäre Therapie: Heilen mit Liebe. Broschiert – 320 Seiten – Goldmann, Erscheinungsdatum: Mai 2001, ISBN: 344216348X (vergriffen)
Michael Lukas Moeller (2002): Wie die Liebe anfängt. Die ersten drei Minuten, Hamburg